Ausgangspunkt waren meine große Freude am Radfahren – vielleicht nicht unbedingt im Alltagsverkehr des bislang doch eher fahrradunfreundlichen Isernhagen – und der Wunsch, sich zumindest auf dem Rückweg von der Arbeit mehr zu bewegen. Mein normales Rad schied dafür aufgrund der sehr eingeschränkten Möglichkeiten zur Fahrradmitnahme in den Stadtbahnen der üstra aus. Und morgens schon 15 km in einer im Vergleich zur Stadtbahn noch akzeptablen Zeit zur Arbeit zu strampeln kam mangels Duschmöglichkeiten im Büro auch nicht in Frage. Und ein E-Bike? Neben Zweifeln, ob der Aspekt der Körperertüchtigung da nicht doch zu kurz kommen würde, spielte auch die nicht eben ökologische Herstellung der Akkus und eine jüngst vermeldete Akku-Explosion samt Parkhausbrand eine Rolle.

Dann kamen mir recht spontan Falträder (wieder) in den Sinn als ich am Frankfurter Hauptbahnhof einen Mann mit einem gefalteten Brompton aus einem ICE steigen sah. Die Brompton-Webseite gecheckt und als anglophile Person auch prompt ein bisschen in die „Schrulligkeit“ und Britishness verguckt. Aber: ich wollte bei einer Strecke von immerhin 15 km natürlich auch nichts falsch machen, zumal es ja durchaus auch andere Hersteller gibt, die im Ruf stehen, ordentliche Falträder zu produzieren. Eine Blindbestellung kam für mich eh nicht Betracht. Die Recherche nach Fahrrad-Geschäften mit größerer Brompton-Auswahl – da hatte ich schon festgestellt, dass es zahllose Varianten des Kult-Faltrades gibt – lieferte für Hannover und Umgebung ganze zwei Geschäfte.

Besuch bei Pro Rad & erste Probefahrt

Ich habe mich für einen Besuch bei Pro Rad in der Oststadt entschieden, weil die auf ihrer – zugegeben nicht unbedingt modernen – Webseite den Eindruck vermittelt haben, dass sie diverse Fabrikate führen und keinen „Mist“ verkaufen, sondern nur Produkte hinter denen sie auch stehen. Dieser Eindruck hat nicht getrogen. Nach der Beschreibung meiner Anforderungen gab es zwei klare Empfehlungen: das Birdy von Riese+Müller in der Einstiegsvariante World oder World Comfort und das Brompton mit 6-Gang-Schaltung. Nach anderthalb Stunden Probefahrt mit diversen Modellen in der Oststadt rund um den Laden, war ich mir bezüglich der Sitzposition sicher, viel mehr aber auch nicht. Gegen eine Gebühr von 70 €, die bei einem Kauf angerechnet werden, wurde mir angeboten, ein Rad 3 Tage Probe zu fahren. Ein guter Service, der mir echt geholfen hat, die Stärken und Schwächen der Räder für meine Bedürfnisse zu erkennen.

Nach der Probefahrt um den Laden war ich vom Fahreindruck eher beim vollgefederten Birdy World Comfort, habe aber zunächst das Brompton mit 6 Gängen und ohne Gepäckträger ausgeliehen, weil ich es schon irgendwie cool fand und ihm eine Chance geben wollte.  Vor allem wollte ich mir später nicht vorwerfen müssen, nicht ordentlich getestet und vielleicht doch das Falsche gekauft zu haben.

Brompton-Testphase

Nach der ersten Fahrt nach Hause mit dem Brompton (ca. 12 km) war ich dann aber schon etwas geschafft. Ich konnte aber nicht sagen könnte, ob es am Rad, meinem an dem Tag ungewohnt schweren Rucksack und Gegenwind oder meinen zuletzt wenigen Kilometern im Fahrradsattel gelegen hat. Grübel, grübel. Was aber sofort klar war: der Faltmechanismus ist super, einfach zu bedienen, intuitiv und sauber. Man macht sich wirklich nicht schmutzig dabei und muss nur an Rahmen und Lenker anfassen. Mein Mann fragte mich gleich, wie oft ich schon geübt hätte. Antwort: gar nicht. Es entsteht ein wirklich kompaktes Paket, das mit etwa 12 kg aber kein Leichtgewicht ist. Daher würde ich – anders als bei dem Testrad ausgewählt – definitiv nur die Variante mit Gepäckträger in Betracht ziehen, um die Schieben-/Ziehen-Option zu haben.

Falten des Brompton – YOUTUBE-VIDEO BY bromptonbicycle


Entfalten des Brompton – YOUTUBE-VIDEO BY bromptonbicycle

Die weiteren Fahrten hatten einen hohen Spaßfaktor und haben dann auch klargemacht, dass mein „Plattsein“ am ersten Tag eher am schweren Rucksack und Gegenwind gelegen hat. Das Brompton ist naturgemäß etwas härter und direkter als das vollgefederte  Birdy, ich empfand es daher aber auch als etwas wendiger und präziser. Die 6-Gang-Schaltung erschien mir gut durchgestuft (Entfaltung: 2,63m-7,94m). Ich habe mich zumeist in den Gängen 3 bis 5 bewegt. Im Flachen konnte ich den 6. Gang nur auf superglatten Straßen und ohne Gegenwind etwas länger treten. Das Anfahren an Ampeln macht Freude, andere Radlerinnen und Radler habe ich vielfach erstmal stehen lassen. Die Schaltung mit 3 Gängen als Nabenschaltung rechts und einer Erhöhung oder Erniedrigung mit + und – links lässt sich schnell, präzise und sehr flexibel schalten. Insgesamt hatte ich vom Fahrgefühl her nicht das Gefühl auf einem Faltrad, noch dazu dem mit den eher kleineren Reifen auf dem Markt, zu sitzen. Einzig der Lenker, den ich in der klassischen Variante M und mit leicht nach vorn gedrehten Bremshebeln sehr bequem fand, gibt dem Rad durch seinen dünnen Rohrdurchmesser und die Schaumstoffgriffe ein bisschen die Anmutung eines „Spielzeugs“. Vielleicht ist es genau das, was mir bei dem Rad wieder und wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat.

Birdy-Testphase

Dann kam das Birdy mit 8-Gang-Nabenschaltung und Nabendynamo vorn (hinten ist ein Batterielicht). Rational war es zu dem Zeitpunkt eigentlich trotzdem mein Favorit aufgrund der Eindrücke der Probefahrt um den Laden. Die Gründe: etwas größere Räder, steiferer Rahmen, „richtiger“ Lenker, größere Laufruhe, Vollfederung, sportlichere Optik, ein etwas günstigerer Preis und die in vielen Foren so hoch gelobte deutsche Ingenieurskunst beim Faltmechanismus. Dann kam die Praxis. Das Fahrverhalten war auch auf längeren Strecken überzeugend und wirklich gut, aber für meinen Geschmack jetzt auch nicht Welten besser als beim Brompton. Die Sitzposition ließ sich dank höhenverstellbarem Vorbau mit Ausrichtungssicherung auch unterwegs schnell und einfach ändern. Die Sitzposition ist damit generell variabler als beim Brompton, so dass das Birdy auch für den Tausch damit fahrender Personen in Betracht kommt. Das Birdy fühlte sich nicht zuletzt durch den Lenker und das etwas höher gelegene Oberrohr eher wie ein „richtiges“ Rad an. Die Schaltung (Shimano Nexus 8) war gut, auch ähnlich gut durchgestuft (Entfaltung: 2,21m-6,78m), aber weniger präzise und „spritzig“ als die des Brompton: Mittels Gripshift muss dabei nämlich jeder Gang „durchgedreht“ werden, was Zeit kostet. Die Anordnung von Hochschalten (nach Hinten bzw. zu mir drehen) und Runterschalten (nach vorn bzw. von mir weg) fand ich absolut unlogisch. Negativ war außerdem, dass das Abus Bordo, das ich als Schloss mithatte, sich anders als beim Brompton aufgrund der Rohrgeometrie nicht am Birdy befestigen ließ und daher in den Rucksack wandern müsste. Aber so ein Rad und schon gar ein Leihrad lässt man ja auch nicht draußen stehen, sondern nimmt es gefaltet mit in die Wohnung.

Entfalten und und Falten des Birdy – YOUTUBE-VIDEO BY rieseundmuellerGmbH

Dementsprechend stand zu Hause das Falten an. Aus den Videos wusste ich schon, dass das Birdy sich nicht ganz so klein falten lässt wie das Brompton, aber dass der Faltmechanismus so besch… ist hätte ich nicht gedacht: ich hatte es mir im Laden zeigen lassen, habe das Video des Herstellers noch mal angesehen und die Anleitung genau beachtet, aber der Prozess war nicht intuitiv und mit gelöster Vordergabel und dem Umgreifen auch recht raumgreifend. Und das Schlimmste: bei 3 von 5 Faltversuchen (und es waren nicht nur die ersten drei) fiel die Kette runter. Das ist im Alltag beim Falten am Bahnsteig ein absolutes No-Go. Von Dreckfingern durch die Kette abgesehen droht Schmutz an den Händen auch immer dadurch, dass das Vorderrad beim Falten schließlich an der Felge angefasst werden muss. Das Testrad war zwar natürlich sauber, aber… Selbst bei den geglückten Versuchen fand ich die Kettenposition sehr extrem. Denn: Der Hinterbau schwingt nicht in einer geraden Linie unter das Oberrohr, sondern der Drehpunkt ist so konzipiert, dass ein Versatz auf die linke Seite stattfindet. Am Hinterbau ist auch extra so ein billig wirkendes scharfkantiges Blech an der Stelle angebracht, an der die Kette gegen die Strebe gedrückt wird bevor sie dann nach links abknickt. Immerhin musste ich die Kabelzüge nicht entwirren. Das hatte man mir im Laden als bekanntes kleineres Problem auch schon gezeigt. In diversen Foren lernte ich zur Kettenproblematik, dass erfahrene Birdy-Freunde auch bei der Radvariante mit Kettenschaltung eine Abweichung von der Faltanleitung und eine im Ergebnis etwas höhere Kettenspannung beim Falten empfehlen, weil die Kette sonst leicht runterfalle. Es lag also nicht an mir. Für mich ist der Faltmechanismus damit nicht besonders findige deutsche Ingenieurskunst sondern ein Konstruktionsfehler. Dieser Vogel kann mich mal…

Das Falten war angesichts meiner Bedürfnisse also der k.o. für das Birdy. Dass Batterielicht hinten, das nur vorgesehen ist, weil durch den Faltmechanismus eher Kabelbruch droht, wie mir gesagt wurde, gefiel mir außerdem nicht. Für andere Leute, die das Birdy vielleicht hin und wieder mal Falten und es im Kofferraum für eine Fahrradtour an einem anderen Ort mitnehmen und kein Problem haben, dann ggf. einmal die Kette wiederaufzulegen, mag das Rad aber trotzdem in Frage kommen. Fahren tut es sich wirklich gut.

Bald Bromptonautin…

Ich bin heilfroh, beide Räder in Ruhe getestet zu haben. Toll, dass diese Option von Pro Rad angeboten wurde. Angesichts der Preise sowohl von Birdy als auch von einem gut ausgestatteten Brompton kann man das aber vielleicht auch erwarten. Beide sind schlicht teuer. Selbst gebraucht ist bei letzteren kaum ein Schnäppchen zu machen, weil sie heiß begehrt sind. Finanziell tut sich das am Ende nicht viel. Dennoch ist der Preis akzeptabel. Im Gegensatz zu den in Fernost produzierten Birdies, werden die Bromptons nämlich in London handgefertigt. Und das Lohnniveau dürfte dort deutlich höher sein.

Im Ergebnis wird es nun ein „Brommie“ und zwar ein M6RD, also mit M-Lenker, 6-Gang-Schaltung, Gepäckträger und dem „normalen“ Nabendynamo. Und der Trägerblock für das Taschensystem darf natürlich auch nicht fehlen. Farbe? Wird noch nicht verraten! Ab Mitte/Ende April bin ich dann auch „Bromtonautin“.

Zum Erfahrungsbericht nach einem Jahr geht es hier.